Nach 40 Jahren ohne grundlegende Überholung befand sich die Orgel der Christuskirche in einem beklagenswerten Zustand. In vielen Bereichen waren auch minderwertige Materialen zum Einsatz gekommen. Eingesunkene Pfeifenfüße nicht nur bei den Prospektpfeifen, ausgeleierte Seiltrakturen, anfällige Registerzugmotoren – das alles machte Überlegungen über die Zukunft der Orgel notwendig, tat aber der in vielen Teilen überzeugenden Klanglichkeit des Instrumentes keinen Abbruch. Von vielen Verantwortlichen, vor allem aus der Gemeinde selbst, wurde allerdings die äußere Gestaltung der Orgel in der Kirche als Fremdkörper empfunden. Sie sollte in den 60er Jahren der Beginn einer Modernisierung der gesamten Christuskirche sein, die dann nie stattfand. 2008 / 2009 wurde die Kirche weitgehend in ihrem Originalzustand restauriert.

Nach einem langen gedanklichen Prozess, der von vielen Organisten, Sachverständigen und Architekten begleitet wurde, hatten die Gemeinden beschlossen, einen ungewöhnlichen Weg zu beschreiten: die Orgel sollte so vollständig erneuert werden, dass zwar nahezu alle bestehenden Register und Pfeifen wiederverwendet werden, die gesamte Technik der Orgel jedoch neu konzipiert wird. Eine Reihe von Klangfarben, die der Orgel mehr Grundtönigkeit verleihen und für die Darstellung der Musik vor allem aus Spätbarock und Romantik unerlässlich sind, wurden ergänzt. Die alte Klais-Orgel sollte mit den bestehenden Registern in ihrer bestechenden Klarheit wiederzuerkennen sein, aber bereichert durch bisher in der Christuskirche „unerhörte“, faszinierende Klänge. Und das alles hinter einem Orgelprospekt, der den ruhigen und würdigen Raumeindruck der Christuskirche wiederherstellt.

In verschiedener Hinsicht war das Orgelbauvorhaben in der Christuskirche Karlsruhe von herausragender Bedeutung:

• Ziel der Erneuerung und Ergänzung war eine Sinfonische Großorgel von höchster Qualität in einem architektonisch einmaligen Raum der Jahrhundertwende mit akustisch idealen Bedingungen, also eine Ensemble von weit überregionaler Bedeutung.

• Die künstlerische Konzeption der Orgel stellt einen vollkommen neuartigen Umgang mit dem Orgelbau der Wirtschaftswunderzeit dar. Viele Orgeln der 50er und 60er Jahre mit ihrer sehr charakteristischen Klanglichkeit werden heute entweder vollständig ersetzt oder aber klanglich nach den heutigen Vorstellungen „zurechtgebogen“. Durch die geplante Ergänzung fehlender Klangfarben in der Christuskirche ist es möglich, die Farben der bisherigen Orgel unverändert zu erhalten.

• Nicht zuletzt stellte das Vorhaben in der Christuskirche das größte Orgelbauprojekt der badischen Landeskirche seit vielen Jahrzehnten dar – und wird es vermutlich auch für lange Zeit bleiben.

Carsten Wiebusch, Kantor